Ein ganz besonderes Exemplar: Wertvoller Schutzumschlag des Buchgestalters Georg Salter geht an das Marieluise-Fleißer-Archiv

Dont‘ judge a book by its cover!? – Das gilt für Georg Salters Buchumschlag zu Marieluise Fleißers Roman Mehlreisende Frieda Geier aus dem Jahr 1931 wohl eher nicht. Salters Buchumschlag ist selbst ein gestalterisches Kunstwerk und obendrein eine Rarität. Nur wenige Exemplare und erst recht Schutzumschläge der Erstausgabe sind erhalten. Einen davon hatte Marieluise Fleißers Neffe und Nachlassverwalter Klaus Gültig in seiner Familie entdeckt und ließ ihn Ende März dem Fleißer-Archiv übergeben. Über die Übergabe berichteten der Donaukurier und der Kulturkanal Ingolstadt.

Bei der Übergabe war neben den Ingolstädtern Marc Grandmontagne (Kulturreferent), Andreas Betz (1. Vorsitzender der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft Ingolstadt) und Doris Wittmann (Leiterin des Marieluise-Fleißer-Hauses) auch Prof. Dr. Gustav Frank von der LMU München zugegen, einer der beiden Herausgeber des im vergangenen Jahr erschienenen Neufassung des TEXT+KRITIK-Hefts zu Marieluise Fleißer. Von ihm die folgenden kurzen Hinweise zur Geschichte, Bedeutung und Einordnung des Umschlags sowie Georg Salter (Pressemitteilung).

Zum Schutzumschlag von Georg Salter für Marieluise Fleißers Mehlreisende Frieda Geier (Prof. Dr. Gustav Frank)

Im Oktober 2021 wurde in Berlin ein Exemplar von Marieluise Fleißers Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen versteigert. Ausdrücklich heißt es im Auktionskatalog: „(mit SU)“, also mit Schutzumschlag. Der Zuschlag erfolgte für € 2600. Nicht zuletzt wohl deshalb. Eine immerhin signierte Erstausgabe des Romans war dagegen vor einiger Zeit für ‚nur‘ € 280 auf dem Markt. Schon dieser Erstdruck von 1931 im Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin, ist eine Rarität. Das ist auch den Zeitumständen geschuldet. Fleißers Buch taucht auf den „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Nazis nach den Bücherverbrennungen seit dem 10. Mai 1933 auf. Das hat seiner Verbreitung, seiner Aufbewahrung und Sammlung sicher geschadet. Ebenfalls, dass er sich einer kulinarischen Lektüre entzieht. Dass der Roman damit ein Meilenstein, ein ganz spezifisch Ingolstädter Meilenstein der modernen Stadt-Literatur ebenso ist wie Joyces Ulysses ein spezifisch Dubliner Meilenstein, ist heute unstrittig.

            Die Auktionspreise sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch das ganze Buch in seiner medialen Gestalt ein Monument des Büchermachens um 1930, ja ein Kunstwerk darstellt. Der Leineneinband, der Schutzumschlag und wohl auch die Typographie stammen vom Buchgestalter Georg Salter. Er war es, der den ursprünglich tatsächlich zum Schutz des modernen Gebrauchsbuchs der 1920er Jahre gedachten Papierumschlag nicht nur zum multifunktionalen Werbeträger für Autor und Verlag, sondern zum einzigartigen Kunstgegenstand erhebt. Vor seiner erzwungenen Emigration in die USA gestaltet Salter in Deutschland gut 300 Umschläge, danach bis 1967 für die renommiertesten Verlage und Autoren dort weitere gut 700 Umschläge. Alle sind heute bei Sammlern geschätzt und gesucht. Am bekanntesten ist sein Umschlag für Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz 1929. Im selben Jahr verantwortet er auch die erste Buchpublikation der Autorin bei Kiepenheuer: Ein Pfund Orangen und 9 andere Geschichten der Marieluise Fleisser aus Ingolstadt.

            Salters gestalterische Phantasie besonders angeregt scheinen die Titel von Marieluise Fleißer zu haben. Davon zeugt, dass er für die Mehlreisende sogar zwei Entwürfe macht. Die schlichtere Variante, die das Buch als Mehlpäckchen mit dem Kurztitel als Bauchbinde präsentiert, wird jedoch zugunsten der raffinierteren fallengelassen: Bei ihr kommen die vier Buchstaben von „Mehl-“ jeweils als ein roter Sack mit weißem Aufdruck daher, während darunter die „reisende“ auf einem blauen Dampfzug mit Lok und zwei Waggons geschrieben fährt.

Endlich! Fleißer trifft Horváth! Im Ingolstädter Altstadtheater!

Die literarischen Größen Marieluise Fleißer und Ödon von Horváth verbindet so einiges, nicht nur ihr gemeinsames Geburtsjahr 1901. Beider Werke zeichnen sich aus durch den genauen Blick auf Menschen, eine hellsichtige Gesellschaftsanalyse. Zu Lebzeiten sind sie sich wohl nie begegnet …

Anlässlich ihres 125. Geburtstag holen die Marieluise-Fleißer-Gesellschaft, die Ödon-von-Horvath-Gesellschaft, das Marieluise-Fleißer-Haus und das Kulturamt Ingolstadt genau dies nach und laden ein zu einer Lesung mit Musik im Altstadttheater Ingolstadt (Montag, 20. April 2026, 20 Uhr) sowie im Kultur- und Tagungszentrum Murnau (Samstag, 25. April 2026, 19 Uhr).
Die Veranstaltungen finden im Rahmen der Literaturtage Ingolstadt bzw. der Murnauer Kulturwoche statt.

Es lesen Ingrid Cannonier und Michael Grimm. Musik: Carola Schlagbauer, Werner Breuer, Franz Schlagbauer.

Eintritt an der Abendkasse 17 Euro bzw. 10 Euro ermäßigt. Im Vorverkauf etwas günstiger. Tickets für Ingolstadt unter Ticket regional und an den bekannten Vorverkaufsstellen. Tickets für Murnau auf der Homepage der Horvath-Gesellschaft Murnau.

Hier der offizielle Flyer zur Veranstaltung.

Absolut sehenswert! Fleißers „Pioniere“ derzeit am Münchner Volkstheater

Lucia Bihler beeindruckt mit ihrer starken Inszenierung von Fleißers Stück Pioniere in Ingolstadt am Münchner Volkstheater. Am 22. Januar 2026 war bereits die Premiere, für die 8 weiteren Aufführungstermine gibt es aber noch Karten:

Dienstag 27. Januar – Samstag 7. Februar – Donnerstag 12. Februar – Mittwoch 18. Februar – Mittwoch 25. Februar – Dienstag 3. März – Sonntag 22. März – Sonntag 5. April

Hier der Link zum Vorverkauf und weiteren Informationen samt Mini-Trailer auf den Seiten des Münchner Volkstheaters. Dort sind einige Pressestimmen prägnant zusammengestellt.

Online direkt (kostenfrei) zugänglich sind die Kritiken der Abendzeitung, die Nachtkritik und die Besprechung des Kulturkanals Ingolstadt.

Ein gelungener Festakt zu Fleißers Geburtstag am 23.11.25

Mitgliederversammlung, Buchpräsentation und Verleihung des Fleißer-Preises an Jonas Lüscher

Neue Zugänge zu Fleißer: Aktuelle Publikationen und ein neuer Fleißer-Spaziergang durch Ingolstadt

Zwei wichtige Publikationen zu Fleißer sind in diesem Herbst erschienen: Bei Königshausen&Neumann der von Christina Rossi herausgegebene Band Marieluise Fleißer. Eigenständiges und Widerständiges im Schreiben sowie eine Neufassung des TEXT+KRITIK-Bandes zu Marieluise Fleißer (Heft 64), herausgegeben von Gustav Frank und Stefan Scherer.

Rossis Band versammelt die Beiträge der gleichnamigen wissenschaftlichen Tagung, die sie im Herbst 2025 in Ingolstadt anlässlich Fleißers 50. Todestags organisiert hatte. Dr. Christina Rossi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft der KU Eichstätt. Über die Neuerscheinung berichteten bereits der Donaukurier und tv.ingolstadt. Der Kulturkanal Ingolstadt führte ein Interview mit der Christina Rossi.

Auf dem Bild: Präsentation des Tagungsbands im Fleißerhaus am 6.10.25. Von links Doris Wittmann, Kuratorin Marieluise-Fleißer-Haus, Herausgeberin Dr. Christina Rossi sowie Tobias Klein, stellvertretender Kulturreferent (Foto: Stadt Ingolstadt / Bernd Betz).

Am 20. November 2025 stellte die Herausgeberin den Band auch im Brecht-Haus Augsburg vor.

Den neu aufgelegten TEXT+KRITIK-Band präsentieren die beiden Herausgeber am 23. November 2025 im „Blauen Salon“ des Theaterrestaurants „Backstage“ um 10.00 Uhr, im Anschluss an die Mitgliederversammlung der Fleißer-Gesellschaft. Hier geht es zur Beschreibung und zum Inhaltsverzeichnis des Bandes auf den Seiten der edition text+kritik. Die erste Fassung des TEXT+KRITIK-Bands stammt aus dem Jahr 1979.

Einen neuen Zugang zu Fleißer eröffnet sicher auch der neue literarische Fleißer-Spaziergang durch Ingolstadt, den die Kulturvermittlerin Annette Schweigart im Auftrag des Fleißerhauses und des Zentrums für Stadtgeschichte konzipiert hat. Insgesamt 10 Stationen – vom Fleißerhaus in der Kupferstraße durch die Altstadt, zum Fleißer-Grab im Westfriedhof, dem Pionier-Steg im Künette-Graben oder bis zur Antoniusschwaige – können ganz real oder virtuell aufgesucht werden. Per QR-Code können künftig auch vor Ort Informationen und Audios abgerufen werden. Hier der Link zur digitalen Version. Ausführlichere Informationen dazu in einem Podcast des Kulturkanals Ingolstadt.

Fleißer-Termine im Herbst 2025: Fleißers „Tiefseefisch“ als Gastspiel im Altstadttheater, Mitgliederversammlung und Fleißer-Preis-Verleihung

Freitag, 10.Oktober 2025

20.30-22.00 Uhr: Fleißer-Gastspiel im Altstadttheater Ingolstadt. Zu sehen ist die Pasinger Inszenierung von Fleißers Tiefseefisch. Die begeistert aufgenommene Premiere war im Januar 2025 in der Pasinger Fabrik. Hier der Link zum Kartenvorverkauf und weiteren Infos des Altstadttheaters.

Der Kulturkanal Ingolstadt berichtete über die Premiere.

Sonntag, 23. November 2025

  • 9.30 Uhr: Mitgliederversammlung der Fleißer-Gesellschaft im Backstage (Theaterrestaurant). Alle Mitglieder erhalten noch die formale Einladung.
  • dort im Anschluss: Präsentation des neuen TEXT+KRITIK-Hefts zu Marieluise Fleißer durch die beiden Herausgeber, Prof. Dr. Gustav Frank (LMU München) und Prof. Dr. Stefan Scherer (KIT Karlsruhe)
  • 11.00 Uhr: Verleihung des Marieluise-Fleißer-Preises der Stadt Ingolstadt an Jonas Lüscher im Foyer des Stadttheaters Ingolstadt (nur wenige Schritte vom „Backstage“ entfernt)

Der Fleißer-Preis 2025 geht an Jonas Lüscher!

Seit Juni steht es fest: Jonas Lüscher (*1976) ist der 19. Träger des Marieluise-Fleißer-Preises. Bereits mit seinem literarischen Debüt Frühling der Barbaren (2013) sorgte er für Aufsehen, sein Roman Kraft (2017) wurde mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Diese und weitere Werke erschienen bei C.H.Beck, sein aktueller Roman Verzauberte Vorbestimmung (2025) im Hanser Verlag.

Jonas Lüscher erhielt u.a. den Hans-Fallada-Preis und den Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich sowie den diesjährigen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Der Schweizer Autor lebt in München.

Der Donaukurier berichtete ausführlicher anlässlich der Bekanntgabe am 4. Juni 2025. Weitere Infos sowie Interviews im Autorenporträt des Schweizer Rundfunks.

Die Preisverleihung findet am 23. November um 11.00 Uhr im Stadttheater Ingolstadt statt.

Buchpräsentation im Münchner Rathaus mit Fleißer-Lesung

Reinhard Lampe hat im Band 15 der Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern die Psychiatrische Kuranstalt Neufriedenheim intensiv erforscht, ganz besonders den jüdischen Patienten Moritz Bendit (1863-1940), der dort 42 Jahre untergebracht war, bevor er im Alter von 77 Jahren im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz ermordet wurde.
Der Band zeichnet aber auch die Lebensgeschichte des Leiters der Anstalt Neufriedenheim, des Psychiaters Dr. Ernst Rehm, nach und gibt einen vertieften Einblick in dieses privat geführte psychiatrische Sanatorium.

Marieluise Fleißer hat im Jahr 1938 drei Monate in dieser Anstalt Neufriedenheim verbracht. Und 27 Jahre später verarbeitet die Ingolstädter Autorin die Erlebnisse aus diesem Aufenthalt literarisch und verfasst darüber die Erzählung Die im Dunkeln.
In diesem 1965 erschienenen fiktionalen Text beschreibt sie sprachlich und formal in komplexer Weise Erinnerungen, Gestalten und Erlebnisse aus der Vergangenheit (des Jahres 1938), die sich offensichtlich tief im Unterbewussten festgesetzt hatten.
Die Fleißer-Erzählung ist in dem Band vollständig abgedruckt.

In der Juristischen Bibliothek im Neuen Rathaus München wurde der Band nun der Öffentlichkeit präsentiert, und die Bedeutung der Forschungsleistung von Reinhard Lampe wurde im Gespräch mit der Historikerin Dr. Sibylle von Tiedemann deutlich herausgearbeitet.

Es folgte eine sehr beeindruckende Lesung von Auszügen aus der Fleißer-Erzählung Die im Dunkeln durch die BR-Sprecherin Julia Cortis, und damit wurde eine gelungene und Erkenntnis vermittelnde Buch-Präsentation literarisch abgerundet.  

Das Interesse an der Veranstaltung war groß, der Raum in der Juristische Bibliothek voll besetzt, der Büchertisch mit dem Verkauf des Bandes wurde belagert, und Reinhard Lampe konnte vielfach signieren.

Andreas Betz

In guter Gesellschaft

Die MFG auf der Leipziger Buchmesse 2025

Das Motto der diesjährigen Leipziger Buchmesse „Worte bewegen Welten“ gilt natürlich nicht nur für die Literatur der Gegenwart, sondern unbedingt auch für die der Vergangenheit, und so ist es selbstverständlich und gut, dass die Pflege unseres literarischen Erbes auch auf einer solchen Veranstaltung sichtbar wird. Schon seit 2006 ist die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten (ALG) auf der Leipziger Buchmesse vertreten und präsentiert dort ihre Mitglieder auf einer großzügigen Fläche von 70 m2. Ihre Mitglieder, das sind etwa 270 Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum von „A“ wie „Bettina-von-Arnim-Gesellschaft“ bis „Z“ wie „Carl-Zuckmayer-Gesellschaft“, die das literarische Vermächtnis der jeweiligen Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit viel Hingabe und überwiegend im ehrenamtlichen Engagement pflegen und wachhalten. An dem sehr ansprechend gestalteten Ausstellungsstand der ALG in Halle 5 konnte man recht eindrucksvoll die Bandbreite der vielfältigen Einrichtungen bewundern, die sich dort mit aktuellen Publikationen und Informationsmaterialien einer interessierten breiten Öffentlichkeit vorstellten.

Und die „Marieluise-Fleißer-Gesellschaft Ingolstadt“ war dabei – mit Heft 14 und Heft 15 aus der Schriftenreihe und dem Werbeflyer im neuen Layout.

Elisabeth Witzel-Ganz

Fotos: Georg Ganz