Sprache

„Ich war immer sehr an der Sprache interessiert“

Was Fleißers Werke – ihre Dramen wie ihre Prosa – besonders macht, ist nicht nur, aber ganz sicher auch ihre Sprache. „Ich liebe diese Sprache sehr“, schrieb schon 1927 der Literaturkritiker Alfred Kerr an die junge Autorin, nachdem er ihre Erzählung Abenteuer aus dem Englischen Garten „mit grossem Ergötzen verschluckt“ hatte (Brief vom 18.1.1927). Für den Schriftsteller und Publizisten Joseph Breitbach war Fleißer die „grösste Sprachkünstlerin seit der Droste-Hülshoff“ (Brief vom 3.7.1966). Zu Fleißers Drama Pioniere in Ingolstadt merkte er an: „Hoch, sehr hoch war mein Genuss an der unverbrauchten, frischen und auch hinterhältigen Gosche, die diese Leute haben und doch bin ich mir selbstverständlich bewusst, wie groß die Kunst Ihrer Stilisierung der Sprache ist“ (Brief vom 17.9.1968).

Unverrückbare Genauigkeit

Bis heute ist es immer wieder Fleißers Sprache, die ihre LeserInnen fasziniert, so auch die beiden deutschsprachigen Literaturnobelpreisträgerinnen Herta Müller und Elfriede Jelinek.  Erinnert Herta Müller anlässlich Fleißers 20. Todestages in der TAZ vor allem an die „unverrückbare Genauigkeit“ und Authentizität ihrer Sprache, spürt Jelinek vor allem die Kraft, fast schon Gewalt der Fleißerschen Sprache: „Jeder Satz ist ein Hammerschlag auf den Boden“ heißt es in ihrer Skizze Kein einziges Abenteuer aus dem Englischen Garten (2008). Sie kommt sogar auf den Gedanken, Fleißers Sätze zur Übung abzuschreiben: „Ich glaube, ich muß diese Erzählung jetzt Wort für Wort abschreiben. Das wäre eine Übung, es wäre DIE Übung, ich würde lernen, die Menschen abzuschätzen.“

Aufsässiger Dialekt

Was Fleißers Sprache, und das ist vor allem die Sprache, die sie ihren Figuren verleiht, so besonders macht, brachte vielleicht am genauesten Walter Benjamin in seiner Rezension zu Fleißers erster Buchpublikation, Ein Pfund Orangen (1929), auf den Punkt:

Die Fleisser hat am Sprachkleid überall die Spuren der Ingolstädter Mauern, die sie streifte. „Mensch, Du hast woll die Wand mitjenommen“, sagt der Berliner, und das wäre ihr höchstes Lob. Sie hält wirklich nicht Abstand und streift, daß es schon mehr ein Rempeln ist, an den Dingen hin. So aggressiv und störrisch sie an die Sachen herangeht – ungeschickt ist sie dabei nur scheinbar. Ja der aufsässige Dialekt, der die Heimatkunst von innen heraus sprengt, ist nur die eine Seite des sprachlichen Könnens, das in diesen Novellen steckt. Es gibt da nämlich noch eine Verstiegenheit, die flüchtigen Lesern als Restbestand eines provinziellen Expressionismus erscheinen könnte, in Wahrheit aber, und mindestens außerdem, etwas Anderes und Besseres darstellt: die namenlose Verwirrung nämlich, mit der das volkstümliche Sprechen sich auf den Weg macht, die Stufen der sozialen Redeleiter hinanzuklimmen, das „feine“, „gehobene“ Deutsch der herrschenden Klassen zu sprechen. Diese Verwirrung, diese hochstaplerische Schlichtheit, ist hier ein Kunstmittel ersten Ranges geworden. Die Verfasserin hat diese Sprachgebärde als das erkannt, was sie ist, als soziale Zauberei, linguistischen Fetischismus, bestimmt durch eine Reihe von Beschwörungsformeln die Wände weichen zu machen, die sich zwischen den Klassen erheben. Und diese Rudimente von Magie im Sprechen geben den gekuschten, ausgepowerten Existenzen, die im Mittelpunkt dieser Erzählungen stehen, der „armen Lovise“ oder dem Maurergesellen vom Abenteuer aus dem Englischen Garten das Faszinierende.

Die literarische Welt Nr. 39/1929

Was Fleißers Sprache so besonders macht, ist also ganz grundsätzlich ihre dialektale Färbung. Doch ist Fleißers Sprache dabei weit mehr als ein – so die rein linguistische Beschreibung – von zahlreichen Bavarismen geprägter süddeutscher Sprachduktus. Denn es ist ein „aufsässiger Dialekt“. Fleißers Sprache ist nämlich nur scheinbar einfach und ungeschickt. Die Kunst der Fleißerschen Sprache zeigt sich ganz besonders, wenn sie die sprachliche Hochstapelei, also das Sprachgekünstel ihrer Figuren vorführt. So etwa, wenn zu Beginn von Pioniere in Ingolstadt (1928/29/1968) das in Sachen Männern sachkundige Dienstmädchen Alma, das weiß, „wie man das macht [,] daß man wen kennt“, ihrer unerfahrenen Freundin Berta rät: „Also da gehst du zum Zuschaun, wenn sie [d.i. die Pioniere] `ne Brücke bauen. Da kommt so etwas von selber, e v e n t u n e l l“.

Mit flüchtigem Lesen ist es nicht getan

Auch Marieluise Fleißer selbst äußerte sich immer wieder zu ihrer Sprache: „Ich habe gespürt, dass die Sprache die eigentliche Kraft ist. […] Ich war immer sehr an der Sprache interessiert. Ich meine, ich war interessiert, das so zu formulieren, dass es nicht ein anderer genauso sagen könnte“, erklärt sie 1973 in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk. Für einen geplanten Bucheinband des Suhrkamp Verlags formuliert sie rückblickend:

Für die Fleißer war ihre frühe Begegnung mit Feuchtwanger und Brecht sehr wichtig. Feuchtwanger hat damals von Brecht gesagt, bei ihm müsse die Sprache holpern, das sei dann die Voraussetzung für ihre Lebendigkeit. Diese Forderung nach holpriger Lebendigkeit hat sich die Fleißer in ihrer Sprache zu eigen gemacht und daraus einen für sie charakteristischen Stil entwickelt, in dem sie Herr wird über die Grammatik. Darum ist es mit flüchtigem Lesen nicht getan, man muß lernen sie zu lesen, dann wird man den Schatz erst heben.

Brief vom 17.3.1969, Beiblatt

Fleißer war sich also sehr wohl auch bewusst, dass sie es mit ihrer „holprigen Lebendigkeit“, ihrem „aufsässigen Dialekt“ dem Publikum nicht einfach machte. In einem ihrer späten Briefe an Klaus-Peter Wieland spricht sie sogar von einer „Sprachbarriere“ und erklärt selbstbewusst:

Es ist möglich, dass die Leser wie die Kritiker auf eine gewisse Sprachbarriere stoßen, die ihnen den Zugang schwer macht. Diese Sprachbarriere ist aber untrennbar mit mir verbunden. Wenn ich selber das Abenteuer aus dem Englischen Garten lese, wird jede Redewendung einleuchtend, und man begreift erst, wie stark und in sich gegründet diese Sprache ist. Es ist das Pech der anderen, wenn sies nicht nachvollziehen können.

Brief vom 14.12.1973

Fleißers Sprache als Beweisstück vor Gericht

Was Fleißers Sprache auch noch in ganz anderer Hinsicht besonders macht, ist der Umstand, dass ihre Sprache sogar als eine Art Beweisstück vor Gericht herangezogen wurde. Im Zusammenhang mit dem sogenannten „Skandal“ um die Aufführung der Pioniere in Ingolstadt im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin 1929 und den entsprechenden Reaktionen aus Ingolstadt kam es zu einem Beleidigungsprozess, den Marieluise Fleißer gegen den damaligen Oberbürgermeister der Stadt Ingolstadt, Dr. Gruber, anstrengte.  Die endgültige Verhandlung fand am 14. Februar 1931 im Amtsgericht Berlin-Mitte statt. Die Berliner Börsenzeitung berichtete noch am gleichen Tag:

Als Sachverständiger über die literarische Qualität des Dramas war vor Gericht der Schriftsteller und Rechtsanwalt Hans J. Rehfisch geladen worden. Er skizzierte dem Gericht den Inhalt der Pioniere in Ingolstadt und stellte fest, daß das Drama eine Kritik der Ernüchterung und Versachlichung des Liebeslebens darstelle, die von tiefem, sachlichem Ernst getragen sei. Trotz der leichten dialektalen Färbung sei die Sprache der Klägerin von solcher Meisterschaft, daß der Begriff des ‚Schandstückes‘ und des ‚gemeinen Machwerks‘ im Sinne des Schund- und Schmutzgesetzes schon dadurch in sich zusammenfalle. Die Vorgänge, nämlich die Liebesbeziehungen der Dienstmädchen von Ingolstadt zu den Pionieren, seien so alltäglich, daß durch sie kein Werturteil über die Stadt und die Bewohner gefällt werde. (…) Der Oberbürgermeister von Ingolstadt Dr. Gruber wurde wegen Beleidigung der Schriftstellerin Marieluise Fleißer zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt.

Berliner Börsenzeitung, 14.2.1931

Quellen

Die zitierten Briefe von und an Marieluise Fleißer finden sich im editierten Briefwechsel (Suhrkamp Verlag). Das erwähnte Interview des Hessischen Rundfunks (Reihe Titel Thesen Temperamente) kann man vollständig im Raum DIE SPRACHE des Fleißer Hauses in Ingolstadt anhören. Der Konflikt um Pioniere in Ingolstadt ist genau in Günther Rühles Band Materialien zu Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer (1973) dokumentiert.

Sprachquiz

Marieluise Fleißer schreibt nicht auf Bayerisch, aber Kenntnisse des Bayerischen sind für das Verständnis ihrer Werke hilfreich. Hierzu ein kleines Sprachquiz.